Unsere Lieblingsstory: SCHMIEDE LEHMANN

Unsere Lieblingsstory: SCHMIEDE LEHMANN

Der Artikel ist aus 2017 und absolut eine unserer Lieblingsstories. Mittlerweile sitzt Johannes Rienhoff mit seiner Schmiede in den Kolbenhöfen. Dennoch ist das, was wir damals von ihm erfuhren, immer noch aktuell. Wer wie Johannes sich alte Schmiedetechniken beibringt, sich immer weiter bildet und sogar die Köhlbrandtreppe restauriert, ist einfach ein Teil Hamburger Geschichte.

 

Schmiede Lehmann

Manager begeben sich auf Auszeit-Seminare in der Natur um sich wieder selbst zu spüren, überlastete Mitarbeiter suchen die Ruhe und Erfüllung in Yoga Kursen und immer mehr wagen den Ausstieg aus ihrem „Bürojob“ hin zu ihren eigenen Ideen – ob selbstgemachte Marmeladen, eigenes Café oder eigener Schmuck. Auf der Suche nach Selbstverwirklichung und Authentizität möchte man den Suchenden einen Ort ans Herz legen, wo man all das findet, wonach sie sich sehnen: Die Schmiede Lehmann, mitten in der Hamburger Innenstadt, in der Neustadt auf einem Hinterhof gelegen, wo sogar noch Überreste einer alten Synagoge stehen. Hier sprühen nicht nur Funken, sondern auch eine riesige Portion Ehrlichkeit, Authentizität und Menschlichkeit. Die Schmiede ist ein Kleinod, ein Paradies, das mehr ist als nur ein einfacher Handwerksbetrieb. Nicht nur Schmiedestücke in Perfektion entstehen hier, sondern es wird ein Miteinander mit den Bewohnern aus dem Viertel gelebt, etwas, was in Zeiten, in denen man sich ausschließlich über Smartphones unterhält, Seltenheitswert hat. Die Schmiede ist fast schon ein sozialer Treffpunkt für Nachbarn, Freunde und Familie inmitten der Stadt. Für Johannes Rienhoff, Inhaber der Schmiede, genau der richtige Standort für seinen Betrieb und mit Sorge erzählt er, dass es schon Pläne gibt, den Hinterhof neu zu bebauen und anderweitig zu nutzen. Somit müsste sein Betrieb weichen. Sogar als „Schandfleck“ wurde er schon von denjenigen bezeichnet, die hier lieber Luxuswohnungen anstatt Schmiede sehen würden. Traurig, denn dieser Ort besitzt so viel mehr als es in Geld zu fassen wäre. Es ist fast magisch, wenn man den Hof betritt, auf die Ruine der Synagoge schaut und ein Zischen, Hämmern und Dampfen aus der Werkstatt hört. In der Schmiede strahlt einem das Licht aus dem heißen Schmiedeofen entgegen, der Amboss als Zentrum der Werkstatt sieht aus wie aus den Asterix-Comicbüchern und der Schweiß auf der Stirn der Schmiedejungs- und mädchen vermischt sich mit dem Geruch von Metall. Hier scheint ein bisschen die Zeit stehen geblieben zu sein, alles wirkt so echt und nicht gewollt. Was auf den ersten Blick wie eine andere Welt wirkt, findet Rienhoff ganz normal. Die vielen selbstgemachten Werkzeuge an der Wand, das kleine, kuschelige Büro hinten im Werkstattraum, wo schon viele berühmte Persönlichkeiten Platz nahmen und über die er diskret schweigt, die schweren Maschinen, die Hitze – für ihn Alltag. Fremd ist ihm hingegen eher die künstliche Social Media Welt mit Influencern & Co. Obwohl er selbst noch recht jung ist, kann er mit dem Berufsfeld nicht ganz so viel anfangen, denn für ihn zählt, was man Anfassen kann. Sein persönliches Meisterwerk: Ein 1 Tonnen schweres, schmiedeeisernes Tor, mit geschwungenen Ornamenten, alles von Hand genietet und in Perfektion synchron spiegelverkehrt angeordnet. Die Entstehung hielt ein befreundeter Fotograf (Giovanni Mafrici), dem die Bilder dieses Porträts auch zu verdanken sind, fest. Es entstanden beeindruckende Fotos, die eine eigene Geschichte erzählen und die man sich für einen Bildband wünscht, weil sie das Gefühl des alten Handwerks nicht besser beschreiben könnten. Doch was macht diesen Ort noch so besonders – ausser dass man einen Hauch von Melancholie für dieses fast ausgestorbene Handwerk verspürt? Es ist vor allem die Menschlichkeit und Verbundenheit zueinander. So wird jeden Morgen um 9 Uhr gemeinsam gefrühstückt und es ist nicht selten, dass Nachbarn, die dieses Ritual längst kennen, vorbei schauen, um etwas Selbstgemachtes oder Geerntetes vorbei zu bringen und ganz nebenbei über ihre Sorgen und Nöte sprechen. Manchmal, so Rienhoff, komme er kaum zum arbeiten, weil ständig jemand in der Tür steht und mit ihm reden möchte. Er hat für alle ein offenes Ohr, kennt jeden, der dort wohnt und hilft ganz selbstlos auch schon mal dem alten Ehepaar aus dem Dachgeschoss, wenn sie starke Jungs zum Anpacken brauchen. Nicht selten rufen Kinder ihm hinterher: „Guck, Mama, der Schmied“ – denn in seinem Look mit den Hosenträgern und der Weste mit echten Perlmuttknöpfen erkennt man den blonden Mann mit den starken Armen sofort im Viertel. Auch Ratschläge gibt er nicht nur seinen Lehrlingen, sondern auch Menschen auf der Straße, im Kiosk an der Ecke oder im Thämers. Lebensweisheiten, für die man nicht studiert haben muss, die man einfach weißend die einen das Leben lehrt. Ein Gespräch mit Rienhoff ist oft wertvoller als mit jedem Therapeuten und man könnte meinen, er ist in der Neustadt mehr als nur der Schmied. Dabei hält er sich als Person gern zurück, ganz beiläufig erwähnt er, dass er hier schon Flüchtlinge aufgenommen hat, die bei ihm arbeiten, gern Wandergesellen eine Unterkunft anbietet oder jungen Menschen eine Berufsperspektive gibt, die auf dem Ausbildungsmarkt kaum eine Chance hätten und hier einen Neuanfang haben können. Bestätigung und Wertschätzung erfahren seine Mitarbeiter von ihm, kein Wunder, dass er mit seinem Team so perfekte Arbeit leisten kann, denn sie stehen zusammen, nicht nur beruflich. Mit Leidenschaft erklärt er, dass sie sich auch verstehen müssen, wenn sie zum Beispiel gemeinsam auf den Amboss schlagen. Jeder Schlag ist wie Musik, ein eigener Rhythmus, bei dem jeder genau weiß, was er zu tun hat – ohne große Worte. Dass sie sich vertrauen und blind verstehen müssen sei deshalb so wichtig, weil die Arbeit in der Schmiede nicht romantisch, sondern durchaus gefährlich ist. Zerrissene T-Shirts von sprühenden Funken oder Verbrennungen auf der Haut sind keine Seltenheit. Bei der gemeinschaftlichen Arbeit muss alles stimmen, Fehler und Unachtsamkeit können hier zu schweren Verletzungen führen. Rienhoff selbst hat Brandnarben an den Armen, seine Hände erzählen für seine jungen Jahre als Schmied bereits eine Geschichte. Über Aufträge schweigt er ebenfalls gern. Mit hanseatischer Zurückhaltung sagt er nur, dass es gut läuft über lange Sicht. Und dass er das Glück hat, nur das zu machen, was er wirklich mag und wo er auch mit seinen Werten hinter stehen kann. Spricht man länger mit ihm, wird einem auf kurz oder lang klar: Worte wie Ehre, Respekt, Werte sind keine Floskeln, sondern gelebt. Seine kräftigen Arme strotzen vor Tatendrang, dass er nicht nur mit viel Kraft auf den Amboss hauen kann, beweist er, wenn er mit seinen Graphit-Bleistiften ganz feine Linien auf Papier zieht – Entwürfe für Kunden per Hand bis ins kleinste Detail festgehalten, seine Angebote bevorzugt er handschriftlich vorzulegen und verzichtet gern mal auf digitale Technik. Rienhoff ist ein starker Mann mit einer weichen Seele, das spürt man spätestens bei seinen feinfühligen Zeichnungen. Man kann durchaus froh sein, dass er vor vier Jahren die Schmiede übernommen hat und etwas erschaffen hat, was man heute kaum noch findet. Zwei Jahre hat er sich damals durchgebissen, nicht aufgegeben wie andere, die nicht mal ein paar Wochen bei dem alten, launischen Inhaber aushielten. Vielleicht kommt dieser Ehrgeiz aus seiner Zeit als Hochleistungssportler, wo man nicht aufgab, sondern kämpfte. Schon früh verliess er dafür sein zu Hause, zog ins Sportinternat und lernte, was es bedeutet, ein Miteinander zu haben, ohne Privatsphäre, dafür mit sportlichen Bestleistungen. Lernerfahrungen, die sicher heute mit in seinen Beruf einfließen und von denen er profitiert. Die Schmiede ist wie eine kleine Insel in der Neustadt, die seinen Charme und seine Persönlichkeit tragen und die ein Stück des Viertels ausmachen. Sie ist offen für alle, beim Vorläufer des Neustadt Festivals „Drunter und Drüber“ können Interessierte am 25. November einen Rundgang buchen und sogar einen Blick in die Schmiede werfen. Als Hamburger Stadtmagazin wünschen wir uns, dass solche besonderen Orte erhalten bleiben und nicht aus dem Stadtbild verschwinden. Unterstützt das Handwerk, setzt euch für ein Stück fast vergessenes Hamburg und Tradition ein. Falls Ihr weitere schöne, lebens- und liebenswerte Orte und Personen in Hamburg kennt, mailt uns einfach euren Tipp an hamburg@elbblickmagazin.de

www.schmiede-lehmann.de

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