Vera Kaesmann: Über Narzissten und ihr Buch: Liebe – Kälter als der Tod / Einem Narzissten verfallen

Sarah, erfolgreiche PR Frau, schön und mitten im Leben, verfällt einem Narzissten und gibt sich für die Liebe zu ihm völlig auf. Sie merkt nicht, wie sie immer mehr ihre Bedürfnisse zurück steckt, ihre eigenen Gefühle unterdrückt und ihre Persönlichkeit verändert. Irgendwann bricht sie innerlich und äußerlich zusammen, kann sich nicht mehr lösen und wendet sich emotional geschwächt an die Hamburger Therapeutin Vera Kaesemann, die die Geschichte so sehr berührt und beschäftigt, dass sie sich entschließt, ein Buch darüber zu schreiben. Zusammen mit Andreas Heineke entstand das Buch über ein bislang noch nicht stark erforschtes Thema: Narzissmus („Liebe – Kälter als der Tod / Einem Narzissten verfallen“) und Vera Kaesemann gab Elbblick ein spannendes Interview zum Thema Narzissten, soziale Netzwerke und die beängstigende Gesellschaftsentwicklung.

Wie kam es zur Idee, das Buch in zwei Ich-Formen zu schreiben? Eben einmal aus der Perspektive der Betroffenen Sarah, und eben aus der Sicht von Ihnen als Therapeutin…

Wir fanden das so persönlich und wichtig, dass die Protagonistin die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, damit man sich auch ein Stück weit mit ihr identifizieren kann. Das wäre ganz anders rüber gekommen, wenn ich als Therapeutin die gesamte Geschichte erzählt hätte. Und deshalb ist diese besondere Form entstanden, die auch eben ein Gefühl aufkommen lassen soll. Das Buch läuft tatsächlich noch unter Sachbuch, obwohl es einen Romanteil gibt. Der zweite Teil muss natürlich in der Ich- Form geschrieben sein, da ich ja sowohl die Therapeutin, als auch Autorin bin. Es war gewagt, aber jetzt im Nachhinein stellt es sich als richtig dar, die Leser finden es sehr gelungen.

Wie ist es denn für die Protagonistin, ihre Geschichte noch einmal zu lesen?

Natürlich habe ich sie, während das Buch entstanden ist, auch gefragt und sie ist glücklich mit dem Resultat. Es tut ihr gut, dass es veröffentlicht wird und andere Frauen die Chance haben, anhand ihres Schicksals ihr eigenes zu erkennen. Was in ihren Beziehungen schief läuft und wie man sich lösen kann. Das gibt Hoffnung beziehungsweise soll Hoffnung geben, damit man eben nicht zusammen bricht und sich rechtzeitig Hilfe holt.

Würde denn der Narzisst so ein Buch lesen?

Also, wenn Narzissten es lesen, würden sie es eben nur tun, um ihren eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Genauso wie sie sich in Therapie begeben, um ganz subtil ihre Opfer besser verstehen zu können, um noch manipulativer zu werden.

Es gibt auch Bücher über Psychopathen. Was ist denn der Unterschied zwischen Narzisst und Psychopath?

Es gibt keinen großen Unterschied. Ich würde sagen, Psychopath ist der Oberbegriff. Darunter fallen verschiedene Störungen wie z. B. Borderline oder Narzissmus. Hier empfehle ich übrigens, sich mal Sam Vaknin anzuschauen. Er ist Psychopath und Narzisst und schreibt über sich selbst authentische Bücher über den Umgang mit Narzissten.. Und er macht auch Youtube Clips, in denen er sich mit dem Thema intensiv auseinander setzt. Er gibt sozusagen selbst das „Futter“ und analysiert sich eben auch gleich: Psychopath und Narzisst.

Man sagt den Narzissten gern nach, ihnen fehlt die Empathie. Warum?

Die Opfer sind immer gut gewählt. In der Regel Frauen, die sehr empathisch oder sehr emotional sind. Die Narzissten können ihr Interesse sehr gut spielen. Das, was sie sagen, ist nicht gefühlt, aber das merkt die Frau eben nicht. Insbesondere in der Anfangsphase – wer kennt das nicht: man ist blind vor Liebe. Und dann kommt eben jemand, der dieses Spiel mit den Gefühlen perfekt und subtil beherrscht. Wie soll frau sich also dem entziehen? Das ist so ausgeklügelt, der Narzisst weiß genau, was er sagen muss. Nehmen wir zum Beispiel eine Frau, die mit ihrem Äußeren nicht zufrieden ist. Ein Narzisst wird genau in diese Richtung seine Komplimente machen, das aufgreifen und so umdrehen, dass sie sich gemeint und geschmeichelt fühlt. Und das nur, um sein Ziel zu verfolgen. Man muss wirklich geschult sein, um darauf nicht herein zu fallen. Und man muss dann auch noch differenzieren: ist es jetzt wirklich so gemeint oder nur gespielt? Die Narzissten übertreiben ganz oft und ich empfehle Frauen, auf ihr Gefühl zu vertrauen, auf ihr Bauchgefühl. Immer nur rote Rosen ist auch komisch. Narzissten übertreiben in der Anfangsphase  und plötzlich kommt der Bruch: wenn der Narzisst sich weniger interessiert oder gar nicht mehr. Und leider vertrauen die Frauen sich selber oft nicht und können sich nicht vorstellen, dass jemand das mit Absicht tut. Diese co-abhängigen Frauen können das einfach nicht glauben.

Muss man jetzt bei jedem Kompliment vorsichtig sein und denken, jeder ist ein Narzisst?

Nein, natürlich nicht. Mein Wunsch ist es, diese co-abhängigen Frauen bewusster für sich selbst zu machen und das sie lernen, mit ihren eigenen Themen umzugehen. Dann werden sie in der Begegnung mit einem anderen Menschen hoffentlich mehr bei sich bleiben und nicht ihre eigene Identität aufgeben. Es wird dann eben nicht so sein, dass man den Blick für sich selbst verliert. Das muss das Ziel sein. Man kann eine wunderbare Partnerschaft leben, eine emotionale Beziehung führen, Komplimente annehmen, solange man sich nicht verliert und seinen eigenen Wert erkennt. So kann man achtsam sein, wenn jemand an der Narbe kratzt, die vielleicht ein Narzisst verursacht hat. Die Wunde verheilt, die Narbe bleibt. Und es wird immer wieder Menschen geben, die den Finger auf diese Narbe legen, aber dann müssen die Alarmglocken angehen.

Wen man aber nun bei sich bleibt, wird einem schnell Egoismus vorgeworfen…wie ist es denn damit?

Egoismus ist notwendig, wenn man für sich sorgt. Die Frauen, die betroffen sind, empfinden einen gesunden Egoismus als schon etwas zu egoistisches, weil sie das so vorher nie gelebt haben, was für andere normal ist. Das ist für betroffene Frauen schon ein Riesenschritt. Beispiel: der Typ ruft an, fragt, ob sie abends Zeit hat, die Frau hat eigentlich was anderes mit ihrer Freundin vor. Die co-abhängige Frau neigt dann eben dazu, alles stehen und liegen zu lassen, sich gegen die Freundin zu entscheiden, obwohl sie kein gutes Gefühl dabei hat. Richtig wäre es, dem Partner mitzuteilen, dass sie schon verabredet ist, sich aber gerne an einem anderen Tag mit ihm treffen möchte. Eine erwachsene Beziehung sollte das aushalten und ein Partner auf Augenhöhe nimmt das nicht persönlich, fühlt sich nicht gekränkt oder ist eingeschnappt.

Wie kann eine Frau erkennen, dass sie sich verliert? Wenn man jemanden kennen lernt, stellt man sich auf den anderen ein – das ist normal und muss auch so sein. Meist sind gute Freundinnen Gradmesser, wenn sie sagen, sie fühlen sich vernachlässigt. Oder man selbst merkt: ich war z.B.fünf Wochen nicht beim Sport. Frau sollte sich fragen: ist es noch ok für mich, ist es auch das, was ich will, oder stelle ich zu viele meiner Bedürfnisse zurück. Sich zu fragen: bin ich das noch, oder entwickele ich mich zu einer anderen Person, wäre hilfreich.

Was kann man machen, um sich aus einer Abhängigkeit zu lösen?

Allein wird das sehr schwer. Es bleibt nur die Therapie. Jemand, der es von außen klar sieht und analysiert. Und es braucht den konsequenten Kontaktabbruch zum Narzissten.

Wie kann man sich lösen, wenn man zum Beispiel ein Kind hat? Man hat ja eine Verbindung und Kontaktabbruch ist kaum möglich, wenn man gemeinsam Eltern bleiben möchte…

Es gibt auch da Möglichkeiten. Einstweilige Verfügungen zum Beispiel bei Gewalt. Aber wenn es keine gab, dann empfehle ich, ein Konzept für den geregelten Umgang zu erstellen. Das ist aber sehr individuell, da muss man schauen: wie alt sind die Kinder, wo wohnt der Ex-Partner, etc. Man kann lernen, damit umzugehen, das Spiel zu erkennen und sich abzugrenzen. Das ist die hohe Schule und verlangt viel von einem ab.

Gibt es mehr Männer, die Narzissten sind? Und was sind die typischen Merkmale eines Narzissten?

Es gibt natürlich auch Frauen. Aber das Thema Narzissmus ist noch nicht weitreichend genug erforscht und wir wissen nicht sicher wie die Verteilung in der Gesellschaft ist und wie viele Betroffene es gibt.

Der männliche Narzissmus zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

Er hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit

Er ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolges, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe

Er glaubt von sich „besonders“ und einzigartig zu sein

Er verlangt nach übermäßiger Bewunderung

Er ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch und manipulativ

Er zeigt einen Mangel an Empathie

Er ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn

Er zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen

Er erwartet bevorzugte Behandlung

Er lügt gewohnheitsmäßig

Soziale Netzwerke mit Selfies – wunderbar für alle Narzissten?

Es wird nirgends so viel gelogen wie bei Facebook, Tinder oder Parship. Schaut mal, was die Leute posten: Großartigkeiten, mit welchen Menschen sie sich umgeben, was sie essen, an welchen exponierten Orten sie sich gerade auf dieser Welt befinden – alles Superlativen. Wer postet denn, dass er einen Scheiss – Tag hatte? Höchstens um Mitgefühl zu bekommen. Eigentlich ist es eine zur Schau Stellung von Großartigkeiten. Wenn es dir schlecht geht, schau auf Facebook und es geht dir noch schlechter, weil du denkst: Wow, was für ein Leben die anderen haben. Alle sind gut drauf und erfolgreich. Aber das ist nicht das Leben. Das täuscht etwas vor, was nicht real ist. Höher, schneller, besser – es zeigt eine Oberflächlichkeit., eine völlig verzerrte Wirklichkeit.  Allein diese hohe Anzahl von Freunden, die man gar nicht im echten Leben hat. Man wischt und scrollt zum Nächsten ohne Tiefe. Man guckt sich nicht mehr in die Augen, man fragt nicht mehr, man spürt nicht mehr. Man fragt vielleicht, wie geht es dir, aber man kriegt keine ehrliche Antwort. Das ist sehr traurig. In den sozialen Netzwerken entsteht eine Scheinwelt voller Unwahrheiten, ein Terrain, auf dem sich ein echter Narzisst gut bewegen kann und auf dem er sich mehr als wohl fühlt. Er präsentiert sich von seiner besten Seite und durch viele Likes fühlt er sich bestätigt.

Wie kann man vermeiden, dass man einen Narzissten groß zieht?

Als Eltern haben wir die Aufgabe unsere Kinder ohne Vernachlässigung oder Überbehütung auf ihrem Weg zu begleiten. Unsere Liebe darf nicht von Äußerlichkeiten, Leistungen oder Erfolgen abhängen, sondern sollte bedingungslos sein. Diese wirklich gemeinte, gelebte und gespürte Bedingungslosigkeit gibt Kindern die Chance zu gesunden Erwachsenen heran zu wachsen. Ich empfehle Eltern wieder mehr auf ihr Gefühl zu hören und mehr zu spüren, als zu denken. Dann sind sie ihren Kindern viel näher, denn deren Verstand prägt sich erst langsam aus. Sie sind in den ersten Jahren überwiegend Bauch- Menschen.

Wird es ein zweites Buch geben?

Es müsste eigentlich einen zweiten Teil geben. Es gäbe noch so viel zu dem Thema zu berichten und natürlich auch zur Co- Abhängigkeit…. wir schauen mal…

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