Ghosting – ein neues Phänomen

Ghosting – ein neues Phänomen

Tipp: 37 Grad Dokumentation – Wisch und Weg in der ZDF Mediathek

Was ist Ghosting?

„Ghosting“ – ein Phänomen des digitalen Zeitalters und aktueller denn je. Fast jeder Zweite, mit dem wir gesprochen haben, gibt zu, mindestens einmal „geghostet“, also wortlos verlassen worden zu sein, von jemandem, den er auf einer Dating-Plattform oder bei Tinder kennen gelernt hat. Der Abbruch ohne Erklärung ist gesellschaftsfähig geworden. Es ist ja fast schon üblich, dass man sich vermeintlich annähert, sich kennenlernt, sich befreundet oder gar verpartnert, und dann die Kommunikation plötzlich wortlos abbricht. Wenn man in heutiger Zeit vom „Ghosting“ spricht, dann meint man die Funkstille in der digitalen Welt.

Und um dieses Thema geht es im aktuellen Buch der preisgekrönten TV-Journalistin (ARD und ZDF) und Buchautorin Tina Soliman. Sie ist bereits Expertin in Sachen Kontaktabbruch, denn ihre zwei vorangegangenen Bücher „Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ und „Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen“ handelten bereits von dem Phänomen des plötzlichen Kontaktabbruchs, vorrangig in Familien, aber auch in Paarbeziehungen. In ihrem gerade erschienenen Werk „Ghosting. Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter“ geht es um den Abbruch, ja das Löschen, auf Dating-Plattformen.

Der Fokus des aktuellen Buchs liegt also vor allem auf der Oberfläche des Bildschirms. Dort swipet man links oder rechts, wählt aus und vor allem ab, löscht innerhalb von wenigen Sekunden für sich ein Profil. Dating-Plattformen erleichtern das „Löschen“ des Anderen. So spart man sich eine  unangenehme Konfrontation, Rechtfertigung oder Kritik – und Zeit. Das Regal ist gut gefüllt, man greift gedankenlos zum nächsten Date. Die Möglichkeiten erscheinen ja schier unendlich. Also wischt man einfach weiter. Der permanent drohende Ausstieg des Anderen ist sozusagen ins Programm eingespeist. Der traditionellen Funkstille dagegen ging zuvor ein langwieriger und quälender Prozess voraus. Es gab Konflikte, Machtkämpfe, auch Scham. Also brach man ab. Nun ist dieser Umgang miteinander vom schambehafteten Unfall zur achselzuckend hingenommenen Normalität geworden. „Ich bin nie dagewesen – und Du auch nicht. Unsere Geschichte gibt es nicht. Es gibt nichts zu Erinnern“. 

Und genau diese sehr gefühlskalte Form der Beendigung einer zwischenmenschlichen Beziehung hinterlässt vor allem bei den Betroffenen tiefe seelische Wunden, die sich auch auf die Genetik auswirken können, denn diese schmerzlichen Erfahrungen prägen sich tief ein, bis in die DNA. Ganz zu schweigen von der Angst, die Betroffene zukünftig haben werden, wieder in Beziehungen zu gehen, ja Nähe zuzulassen. Das Selbstwertgefühl und Vertrauen ist massiv angegriffen worden.

Doch warum ist es fast schon zur Normalität geworden, einen Menschen so abzuservieren? Die digitalen Netzwerke und Dating-Plattformen tragen eine hohe Mitschuld am Ghosten. Wer ghosten will, dem wird es leicht gemacht, denn die Plattformen bieten alle möglichen Tools, um jemanden zu löschen oder auch, um unerreichbar zu sein. Wer ghostet, ist faul und vor allem beziehungsunfähig. Der Anspruch und der Glaube, immer jemand „Besseren“ auf den digitalen Plattformen zu finden, macht rabiat, denn das Angebot scheint ja fast unendlich und der Kunde unersättlich. Der Mensch verkommt zu einer Art „Ware“. Es wird nicht mehr investiert, sondern nur noch konsumiert: Es soll schnell gehen, und die Auswahl muss riesig sein. Man gibt sich nicht mehr zufrieden mit dem, was man hat, denn es gibt ja genug andere Möglichkeiten.

Was macht es mit den Menschen, die geghosted wurden?

Viele Betroffene leiden ein Leben lang unter den Folgen des „Ghostings“, weil etwas „Unfertiges“ in ihrem Kopf haften bleibt. Sie sind unsicher, tief verletzt, ihre Selbstwahrnehmung oft gestört und sie fragen sich immer wieder: Wie konnte es zum Abbruch kommen? 

Michael Linden, Neurologe und Psychologe von der Charité, spricht sogar von einer „Posttraumatischen Verbitterungsstörung“. Es macht aber nicht nur etwas mit dem „Gelöschten“, sondern auch mit demjenigen, der ghostet. Der „Ghost“ zeigt, dass er nicht nur konfliktunfähig ist, sondern auch, dass bei ihm keine Reifung stattfindet, die eine gesunde Beziehung aber braucht! Durch das Ausweichen und Vermeiden ist keine Spiegelung durch ein Gegenüber möglich, so dass der „Ghost“ langfristig auf der immer gleichen Entwicklungsstufe stehen bleibt. Das ständige Ausweichen lässt keine Nähe zu. Abgesehen davon wird er immer Druck und die Nähe-Angst verspüren, wenn es um Partnerschaft oder Freundschaft geht.

„Wir streicheln die Handyoberfläche mehr als die Haut eines anderen“, so Tina Soliman. Und damit hat sie sicher Recht, denn das „Swipen“ – das sogenannte „Wischen“ von links nach rechts, macht teilnahmslos. Es wird keine Zeit mehr verschwendet, genauer hinzusehen, geschweige denn, sich intensiv mit den Facetten, den Stärken und Schwächen des Anderen auseinander zu setzen. Diese Oberflächlichkeit begünstigt und verstärkt Ghosting. 

Das Buch zeigt im Gespräch mit Betroffenen und Fachleuten, wie zerstörerisch „Ghosting“ sein kann – für den Ghost und den Verlassenen, und gibt Hilfestellung. Wenn sich Tina Soliman etwas wünscht, dann dass es eine Abschiedskultur gibt, respektvoll und klar, wenn es um das Ende einer Beziehung, aber auch eines losen Kontaktes geht. Und noch ein Tipp: Um zu vermeiden, geghostet zu werden, sollte man von Beginn an ganz genau hinsehen und vor allem hinhören. Denn oft gibt der künftige Ghost bereits früh zu erkennen, dass er nicht wirklich eine Beziehung will. Man sollte seiner Intuition mehr Gehör schenken. Denn meist spürt man sehr früh, dass etwas nicht stimmt. Also, dem Bauchgefühl trauen und Menschen, die es nicht ernst meinen und kein Verantwortungsgefühl zeigen, aus dem Weg gehen. 

Ghosting im TV

Auch die 37 Grad ZDF Dokumentation von Tina Soliman, ausgestrahlt im April 2021, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Ghosting. Wisch und Weg – so lautet die Dokumentation, in der es vor allem darum geht, wie man sich heute verliebt und verpasst.

Zu sehen in der ZDF Mediathek unter: https://www.zdf.de/dokumentation/37-grad/37-wisch-und-weg-100.html

Mehr Infos unter: www.tina-soliman.de

„Ghosting. Vom Spurlosen verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter“

Verlag: Klett Cotta

Erschienen: 21.09.2019

358 Seiten

ISBN: ISBN-10: 3608963375 / ISBN-13: 978-3608963373

Fotocredit Tina Soliman: Monique Wernbacher

elbblickmagazin

elbblickmagazin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.